Gipsy

 

Gipsy – oder einfach: Schnipse


„Schlimmer geht immer … Schnipse!“


So könnte ich wohl das Kapitel überschreiben, das mich am meisten geprägt hat.


Mein Vater und ich waren wieder einmal auf einer unserer Pferdehändler-Touren. Auf einem Hof, auf dem die Söhne Reiterferien für Kinder anboten und der Senior noch mit Pferden handelte, sah ich sie zum ersten Mal.


Eine kleine Fuchsstute, etwa 1,52 m groß, völlig ohne Muskulatur. Ganz hinten in einem Anbindeständer, weit weg von den anderen Pferden.
Als ich fragte, warum sie dort angebunden stand, bekam ich nur eine knappe Antwort:


„Dieses verrückte Vieh lässt sich sonst weder einfangen noch anfassen. Die geht sowieso bald zum Schlachter.“


Aha …


Zwei Wochen später stand sie bei uns im Stall.
Mit einer tiefen Rissverletzung zwischen den Vorderbeinen. Sie hatte sich kurz zuvor an ihrer Anbindekette verletzt.


Na prima.


Ein Pferd, das sich kaum anfassen ließ – aber täglich versorgt und dessen Wunde gespült werden musste.
 

So begann unsere gemeinsame Geschichte.


Was ich mit dieser Stute erleben sollte, übertraf alles, was ich bis dahin mit Pferden erfahren hatte.
Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – war sie
meine Schnipse.

Ich setzte alles daran, ihr zerstörtes Vertrauen in den Menschen zurückzugeben.


Heute würde man sie nach dem Parelli-System vermutlich als
Right Brain Extrovert mit Anteilen eines Right Brain Introvert
beschreiben.
Mal hysterisch und panisch, dann wieder wie eingefroren – nur um im nächsten Moment völlig unkontrolliert zu explodieren.


Damals wusste ich noch nichts über Natural Horsemanship oder die Strategien dahinter. Ich handelte ausschließlich aus meinem Bauchgefühl heraus.

 

Rückblickend war vieles davon intuitiv genau richtig.


Aber ich war jung. Und es gab Situationen, in denen ich schlicht überfordert war.


Unsere gemeinsame Bilanz liest sich wie der Bericht einer Notaufnahme:
eine Gehirnerschütterung,
drei gebrochene Rippen,
eine gebrochene Nase mit Platzwunde,
und eine Milzruptur mit anschließendem Aufenthalt auf der Intensivstation.


Viele Menschen fragen mich heute:
„Warum beschäftigst du dich nach all dem immer noch mit Pferden?“
Meine Antwort ist einfach:
Weil Pferde mein Leben sind. Sie schenken mir Energie, Demut und Erfüllung.


Ein Zitat von Nuno Oliveira beschreibt genau das, was ich empfinde:


„Ein so kostbares Wesen wie das Pferd verdient, dass jeder, der es reitet, sein Wesen und seine Fähigkeiten erfasst. Reiten ist eine Schule von Verzicht und Demut. Unter
guter Anleitung führt ihre Praxis zu einer höheren Stufe des Mensch seins.“


Der Weg mit Gipsy war lang.
Wie schwierig es war, sie einzureiten und anschließend nach jedem Ausritt gesund nach Hause zukommen, muss ich wohl kaum erzählen.
Wenn sie in Panik geriet, war ihr alles egal – sogar ihr eigenes Leben.
Sie überschlug sich rückwärts mit mir eine Böschung hinunter oder versuchte trotz geschlossener Heckstange aus dem Pferdeanhänger zu springen, bis ihr Rücken völlig aufgerissen war.


Für sie war das kein außergewöhnliches Verhalten.
Für mich bedeutete es, immer wieder aufzustehen.


Nach gefühlt zwei Schritten vor und sechs Schritten zurück,
wurde aus uns schließlich doch ein echtes Team.


Am Boden ebenso wie unter dem Sattel.


Für alle anderen blieb sie die „verrückte Schnipse“.


Für mich war sie ein Pferd, das einfach nie gelernt hatte, Menschen zu vertrauen.


Irgendwann hatten wir einen Punkt erreicht, an dem wir uns gegenseitig verstanden.

Sie vertraute mir.
Und ich vertraute ihr.


Von diesem Moment an war unsere gemeinsame Zeit nicht mehr von Angst geprägt, sondern von Partnerschaft.


Als ich später ins Saarland zog und heiratete, kam Gipsy selbstverständlich mit.


Auch dort stellte sie uns zunächst vor neue Herausforderungen. In einem Pensionsstall musste sie lernen, fremde Menschen an sich heranzulassen und ihnen zu vertrauen.


Und wieder schafften wir es gemeinsam.
Eine ganz besondere Wendung nahm unser Weg, als wir
Iris Heck kennen lernten.


Zum ersten Mal erhielt ich klassischen Dressurunterricht, der genau dem entsprach, was ich mir immer unter einem fairen und ethischen Umgang mit dem Pferd vorgestellt hatte.


Iris lehrte mich weit mehr als das Reiten.


Sie zeigte mir, niemals die Geduld zu verlieren und selbst in schwierigen Momenten nach dem Guten zu suchen.


Leider mussten wir unseren gemeinsamen Weg viel zu früh beenden.
Ein inoperabler Abszess im Nierenbereich ließ uns keine andere Wahl, als Gipsy gehen zu lassen.


Nach zwölf intensiven, lehrreichen und unvergesslichen Jahren musste ich Abschied nehmen.


Sie hat mich geprägt wie kein anderes Pferd.


Alles, was ich heute über Geduld, Vertrauen, Einfühlungsvermögen und den respektvollen Umgang mit Pferden weitergebe, trägt ein Stück ihrer Geschichte in sich.

Wie mein Weg danach weiterging?


Dann lerne im nächsten Kapitel Nico kennen.

 

Du findest uns auf dem:

 

Hengstwalder Hof Waldziegelhütte 2a,

66914 Waldmohr

 

Gerne kannst du zu uns auf die Anlage, für individuellen Unterricht und Intensiv-Tage, gefahren kommen. Vereinbare einfach einen Termin unter:

 

0170 / 473 08 13

 

gerne auch per Whatsapp.

__________________________

 

Ein Beritt oder Reha Platz wird immer mal wieder frei. Bei Interesse einfach Nachfragen.

 

Druckversion | Sitemap
© Natürlicher Umgang mit unserem Partner Pferd